Seite II • Frankfurter Rundschau • 3

Donnerstag, 15. August 2002 • Nr. 188

GASTBEITRAG

„Die Schwarzarbeit steigt noch an"

Arbeitsvermittlerin Brigitte Spörer sieht Ich-AG's kritisch

 

„Grüße von der Front" an die Hartz-Kommission und Berliner Politiker betitelt Bri­gitte Spörer (Bild) ihren Gastbeitrag für die FR. Sie ist Inhaberin der Personalberatungs- und Vermittlungsagentur CBS (Commercial Business Services) in Schön­eck und Geschäftsführerin der CBS KG, die im Bereich der Weiter- und Fortbildung tätig ist.

„Die von der Hartz-Kommission vorgeschlagene Personal Service Agentur (PSA) ist doch vielerorts, wie auch hier im Main-Kinzig-Kreis, längst vorhanden - siehe etwa das Berufsbildungs- und Beschäftigungszentrum BBZ in Gründau, ein Pro­jekt des Main-Kinzig-Kreises, Kreissozialdezernent Erich Pipa (SPD) kämpft seit Jahren für die Umsetzung   und den Ausbau dieser Einrichtung.   

Kommission kritisch zu überdenken und vor allem Leute von der Front und Betroffene mit einzubeziehen. Mit Wahlversprechungen wie Ausweitung der geringfügigen Beschäftigung wird nur das Gegenteil erreicht. Die Schwarzarbeit geht weiter und steigt noch an. Oft werden geringfügige Beschäftigungsverhältnisse nach außen nur als Deckmantel benutzt, das heißt, es wird ein Mehrfaches schwarz geleistet und ausgezahlt. Die viel gepriesene Steuerfreiheit ist für mich ebenfalls nicht erkennbar, da die Steuerklassen I, IV, II und III erst ab 900 Euro lohnsteuerpflichtig werden. Das ist das Resultat aus der Steuerreform 2000.

Mein Vorschlag lautet: Komplette Abschaffung der geringfügigen Beschäftigung, sofortige Senkung der Sozialversicherungsbeiträge, damit diese Jobs in sozialversicherungspflichtige Arbeits-Verhältnisse umgewandelt werden können. Dadurch haben auch mittelständische und kleine Unternehmen die Möglichkeit, Arbeitsplätze zu schaffen. Hiervon profitieren alle, die Finanzierung kann durch Wegfallen des Arbeitslosengeldes und Sozialhilfe erfolgen. Zu bedenken ist, dass in vielen Fällen die „Stütze" höher ist als die Sozialversicherungsbeiträge, Der gesamte Dienstleistungssektor könnte hier einen enormen Aufschwung erleben und die Ich ­oder Familien AG wäre kein Thema mehr.

Zum Schluss noch ein Wort zum Thema „Forcierung der Selbständigkeit": Ist es vielleicht der Hartz-Kommission und unseren Politikern entgangen, dass wir bis Ende August noch über 40 000 weitere Insolvenzen zu erwarten haben? Die meisten Arbeitsämter in meinem Umkreis haben bereits seit letztem Monat keine Förder­mittel mehr, die zur Wiedereingliederung von Langzeitarbeitslosen dienen sollten, da über die Maßen Überbrückungsgelder ausgezahlt werden mussten. Wo wollen die Politiker unser Volk noch hinführen? Diese Gedanken musste ich zu Papier bringen, da täglich verzweifelte Menschen bei mir vorsprechen, denen ich nicht helfen kann, da wir keine offenen Stellen haben. Wann werden endlich einige unserer Politiker wach?

Seit l. April 2002 gibt es die Gesetzes-Novellierung, dass jeder Arbeitslose (§37a, SGB 3) nach sechsmonatiger Arbeitslosigkeit einen Anspruch auf einen vom Ar­beitsamt benannten Drittvermittler hat. Seit April 2002 können alle Arbeitslosen sich ah dem dritten Monat der Arbeitslosigkeit einen Vermittlungsgutschein ausstellen lassen und einen .freien' Vermittler beauftragen. Hier herrscht erhöhter Zulauf. Alle aufgeführten Möglichkeiten beruhen auf Freiwilligkeit."

Von 1999 bis heute hat Brigitte Spörer mit ihrem 'Team 108 Langzeitarbeitslose in Dauerarbeitsplätze vermittelt. Die ausgebildete Kauffrau hat Betriebswirtschaft (Schwerpunkt Personal- und Ausbildungswesen) studiert und arbeitete viele Jahre in der freien Wirtschaft und Erwachsenenbildung. Sie hat seit 1998 einen Rahmenvertrag, mit dem Arbeitsamt Hanau als so genannte Drittvermittlerin  und kümmert sich um schwer vermittelbare Arbeitslosenhilfebezieher. Seit 1999 ist sie per Rahmenvertrag als Drittvermittlerin für Arbeitslosenhilfebezieher vom Arbeitsamt Gießen für die Dienststelle Friedberg und seit Ende 2001 auch für Offenbach tätig.

 

Er wurde bis vor kurzem noch von vielen Medien und Gewerkschaften   an den Pranger gestellt. Und nun versucht die Hartz-Kommission, seine bereits seit Jahren funktionierende Idee als Neuheit zu vermarkten.

Zur von der Hartz-Kommission geplanten Ich-AG oder Familien-AG nachfolgend nur ein kleines Beispiel aus der Praxis zum Thema Schwarzarbeit: Eine Reinigungshilfe (Geschlecht egal), arbeitslos gemeldet seit 3,5 Jahren, bezieht bereits Arbeitslosenhilfe. Aus familiären Gründen (zwei schulpflichtige Kinder unter zwölf Jahren) ist nur eine Teilzeit von 8 bis 14 Uhr erwünscht. Die Höhe der Arbeitslosenhilfe beträgt 450 Euro pro Monat. Eine Stelle sollte in nächster Umgebung gefunden werden, da man im Falle eines Falles ja noch nach den Kindern sehen muss. Die Vermittlungsmöglichkeiten seitens des Arbeitsamtes oder auch privater Job-Vermittlung sind hier gleich Null.

Das macht aber nichts, denn der betreffende Arbeitslose wurde selbst fündig und arbeitet nun an zwei Vormittagen in privaten Haushalten - natürlich ohne Anmeldung und Steuerkarte! Er erhält also schwarz zehn Euro pro Stunde auf die Hand. Das ergibt bei zwei Stellen a sechs Stunden zusätzlich 480 Euro monatlich netto. Sozialvorsicherungsbeiträge fallen keine an, die werden ja praktischerweise vom Arbeits- oder Sozialamt getragen. So hat man mehr in der Tasche, als wenn man in Vollzeit als Reiniger (Schichtarbeiter) etwa in Krankenhäusern oder am Flughafen tätig ist oder als Selbständiger arbeiten soll.

Darum nun meine Frage an die Hartz-Kommission: Warum sollten ausgerechnet solche Leute eine Ich- oder Familien-AG gründen? Sie würden sich doch Finanziell und arbeitszeitmäßig nur verschlechtern. Meinen Sie wirklich, dass man Schwarzarbeit so verhindern oder einschränken kann? Derlei Beispiele könnte ich ausweiten - bevorzugte Bereiche sind Einzelhandel, Gastronomie und die Baubranche.

Mein (schriftliches) Angebot an die Hartz-Kommission, meine Praxiserfahrungen einzubringen, wurden weder gehört noch gewünscht- Daher appelliere ich nun an die Politiker/innen, die Vorschläge der

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